Helden der Wahrscheinlichkeit

So 07.11.2021, 20:00 Uhr
Eintritt: 7,50€/ 5,50€

Dänemark 2020, Regie: Anders Thomas Jensen, nur Dienstag OmU (Dänisch), 117 Min., Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Andrea Heick Gadeberg u.a.
Trauer-Arbeit ist eine einsame Angelegenheit. Entsprechend möchte der gerade heimgekehrte Offizier Markus (Mads Mikkelsen) einfach seine Ruhe haben. Er will sich um seine Teenager-Tochter Mathilde kümmern und den Verlust seiner Frau, die bei einem Zugunglück ums Leben gekommen ist, mit viel Bier herunterspülen. Doch diese Rechnung hat er ohne die drei Unglücksvögel gemacht, die vor seiner Tür auftauchen. Der Mathematiker Otto, sein nervöser Kollege Lennart und der exzentrische Hacker Emmenthaler sind sichtlich vom Leben gebeutelt. Aber sie können rechnen. Und ihren Berechnungen zufolge starb Markus Frau nicht zufällig. Tatsächlich hat das schräge Trio Indizien, die stutzig machen. Aus zahllosen Details knüpfen sie eine zwingende Beweiskette, an deren Ursprung eine Bande namens Riders of Justice steht. Egal wie unwahrscheinlich ihre Theorie klingt – sie weckt erfolgreich die Rachlust des emotional sonst sparsamen Familienvaters. Der neue Film von Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel“, „Men and Chicken“) ist ein doppelbödiges, tragikomisches und schwarzhumoriges Meisterwerk voll schräger Figuren und interessanter Ideen…unter anderem zur Chaostheorie.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE

Das Leben ist eine Abfolge von Ereignissen, die einander begünstigen. Dass in Tallin ein Fahrrad bestellt wird, führt in Dänemark zum Diebstahl eines solchen Fahrrads – und ist Auslöser einer Ereigniskette. Denn Mathilde kann nicht mit dem Fahrrad fahren, also fährt ihre Mutter sie. Aber das Auto springt nicht an, also nehmen sie die Bahn. Dort bietet Otto der Frau seinen Sitzplatz an. Wenige Sekunden später kommt es zum verheerenden Unfall, bei dem sie stirbt. Aber Otto, ein Wissenschaftler, der sich auf Wahrscheinlichkeitstheorie festgelegt hat, glaubt nicht an die Zufälligkeit dieser Tragödie. Er glaubt, jemand hat einen Anschlag verübt und tritt mit dieser Theorie an den Witwer, einen Veteranen, heran. Der Beginn eines Rachefeldzugs.

Die Grundidee des Films könnte man vielleicht so beschreiben: Was würde John Wick tun, wenn er seinen Rachefeldzug zusammen mit den Nerds aus „The Big Bang Theory“ durchziehen müsste? Eine mehr als schräge Prämisse, die ganz typisch für Anders Thomas Jensen ist. Seine Geschichten sprühen in der Regel vor schwarzem Humor. Das ist auch hier so. Es ist eine grimmige Geschichte, in der die Mechanismen eines Dramas auf die eines Actionfilms stoßen und das Ganze mit einer Komik unterfüttert ist, die wirklich beißend ist. Bei einem geringeren Autor und Regisseur könnte eine solche Melange schnell scheitern, bei Jensen wird daraus ein wuchtiger Film, der Genre-Grenzen einreißt und praktisch für jeden etwas bietet.

Dabei funktioniert der Film nicht nur auf einer oberflächlichen Ebene. Der Unterbau ist noch viel faszinierender, denn Jensen und sein Ko-Autor Nikolaj Arcel stellen sich die Frage nach der Kausalität. Es ist das Kernstück der Chaos-Theorie, nach der der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt der Auslöser für einen Wirbelsturm auf der gegenüberliegenden Seite des Globus sein kann. Hier ist es ein Fahrrad, das bestellt und gestohlen wird. Ohne dieses Ereignis wäre in dem Film nichts so gekommen, wie es ist.

Zugleich befasst er sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zahlen lügen nicht, sagt Nikolaj Lie Kaas‘ Figur, aber ist dem wirklich so? Liegt es nicht an der Interpretation dieser Zahlen, dass man zu dem Ergebnis kommt, das man wünscht? Oder anders gesagt: Wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann sucht man nach den Stücken der Beweiskette, die dazu führen. Das ist das wirklich faszinierende Element dieses Films, weil er der Kausalität den Zufall gegenüberstellt.

Es ist menschlich, dass man in Tragödien den Sinn dahinter sucht oder danach strebt, einen Schuldigen zu finden. Auch das ist ein wichtiges Thema von „Helden der Wahrscheinlichkeit“, das Menschen zusammenführt, deren Lebenswege sich sonst nie gekreuzt hätten. Das führt zu einem Moment der Erkenntnis – bei den Protagonisten, aber auch beim Zuschauer –, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass dieses ursächliche Ereignis, der Fahrraddiebstahl, letzten Endes auch zu etwas Gutem geführt hat, das es sonst so nie gegeben hätte, auch wenn entlang des Weges Verluste zu beklagen waren.