Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mi 21.06.2017, 20:15 Uhr
Eintritt: 6€ / 4,50€

Deutschland 2017 Regie: Lars Montag, 119 Min., nach einem Roman von Helmut Krausser, mit Jan Henrik Stahlberg, Bernhard Schütz, Friederike Kempter, Lilly Wiedemann, u.a.
Im Herzen einer deutschen Großstadt prallen die Leben einer Reihe jüngerer und älterer Bewohner zusammen: Da ist etwa der Supermarktleiter Uwe (Peter Schneider), der sich tagsüber in seinem Laden mit dem ehemaligen Lehrer Ecki (Bernhard Schütz) streitet und übers Internet die Künstlerin Janine (Katja Bürkle) kennengelernt hat, während seine Ex-Frau, die Ärztin Julia (Eva Löbau), übers Internet an den Callboy Vincent gerät, der wiederum ein spezielles Abkommen mit seiner Freundin Vivian (Lara Mandoki) hat. Auch Vincent und Ecki haben eine Verbindung: Die beiden wohnen in derselben Etage, wo Ecki einen Anger Room betreibt, in dem sich Familienvater und Hobby-Imker Robert (Rainer Bock) gerne austobt.
Clever konstruiertes Episoden-Drama über die Liebe in neurotischen Zeiten, mit visuellem Einfallsreichtum und einem hochkarätigen, spielfreudigen Ensemble nach einem Roman von Helmut Krausser inszeniert. Umwerfend komisch und traurig zugleich.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE:
Ein Film, dessen Titel sich im Versmaß der Nationalhymne aufsagen lässt, hat schon vorab einen Originalitäts-Bonuspunkt. Den zweiten gibt’s gleich obendrein für jenes verspielt poppige Plakat, das an Pedro Almodóvars beste, wilde Zeiten erinnert. Beides könnten bloße Werbemätzchen sein – doch diese rabenschwarze Komödie hat tatsächlich eine substanzielle Wucht, wie sie im deutschen Kino selten ist.

Die Lage der Nation in Sachen Liebe, könnte dieses kuriose Kaleidoskop überschrieben sein. Flüsternde Erzählerstimmen geben eine Einführung in das famose Figurenkabinett. Da wäre der Thomas, ein Polizist mit latentem Rassismus-Problem. „Hör mir mal zu, du kleiner Bimbo!“, raunzt er ein Kind im Zug an. Dessen entsetzte Mutter beschimpft er als „Affenmutti“. Wenig später wird er einen jungen Araber provozieren und angreifen – wer könnte solch spießigen Unsympathen besser geben als „Muxmäuschenstill“-Star Jan Henrik Stahlberg! Thomas mimt gern den Macho vor seiner verschüchterten Kollegin Carla (Friederike Kempter), mehr als ein gemeinsamer Sauna-Besuch (samt Migranten-Bashing) läuft jedoch nicht. Supermarktleiter Uwe (Peter Schneider) geht die Sache pragmatischer an, er macht Kontakte übers Internet, wie zum Beispiel mit Künstlerin Janine (Katja Bürkle). Dem blasierten Smalltalk über Gin-Sorten an der coolen Bar folgt die schnelle Nummer auf dem Behinderten-Klo.

Da ist Uwes Ex beim Sex schon wählerischer. Sie bucht Callboy Vincent (Eugen Bauder) mit höchst detaillierten Vorstellungen, an denen der hübsche Escort-Boy freilich verzweifeln könnte. Bei der Teenager-Liebe knirscht es gleichfalls im Gefühlsgebälk. Dem sensiblen Johannes (Aaron Hilmer) macht eine Sekte die Hölle heiß, als er erste Mädchenträume beichtet. Sein Objekt der Begierde Swentja (Lilly Wiedemann), muss sich derweil den forschen Mahmud (Hussein Eliraqui) vom Hals halten. Irgendwie findet die 14-Jährige dessen plumpe Anmache aber auch ziemlich cool. Als ihre kleine Schwester Sonja plötzlich verschwindet, bekommt das Figurenkarussell einen dramatischen Kick. Dabei hat ihr frustrierter Papa Robert (Rainer Bock) schon Sorgen genug, die er bei kruden Aggressions-Kursen im „Zerstörungszimmer“ des pensionierten Lehrers Ekki (Bernhard Schütz) verzweifelt auszutoben versucht.

So kompliziert und abstrus diese „Wer liebt wen, warum und wie?“-Geschichten klingen mögen, so lässig und verspielt sind sie miteinander verwoben. Immer wieder gibt es überraschende Wendungen sowie neue Verknüpfungspunkte, die für verblüffende Wow-Effekte sorgen. Die klassischen Beziehungsthemen wie die Suche nach Liebe, die Angst vor Einsamkeit oder das Verlangen nach Sex werden satirisch flott aufgemischt und mit visuellem Einfallsreichtum inszeniert. Beim Scheitern dieser Helden ist der Zuschauer prompt mittendrin, statt nur dabei. Die wortwitzigen Dialoge („Du bist bipolar! Nein, ich weiß: Laktoseintolerant!“) fallen dabei so gelungen aus wie die Situationskomik. Vom beweglichen Sex-Cartoon auf der Teenager-Innenhand über die Gefahren von Staubsauger-Robotern für einsame Singles bis zu den Vorzügen von Wurstabschnitten oder einem bemalten Mops, der nur mühsam gereinigt werden muss.

Als Sahnehäubchen zum Schluss stimmen alle Akteure vereint beim Abspann den Peter Maffay-Schlager „Du“ an. Der Text fällt freilich etwas egozentrischer aus als im Sommerhit von 1970 – nun heißt es: „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt. Ich bin alles, was ich will. Ich allein kann mich verstehen.“. So schließt sich musikalisch der Kreis zum Filmtitel im Versmaß der Nationalhymne.

Dieter Oßwald