Una und Ray

Mi 31.05.2017, 18:00 Uhr

Kanada/USA 2016, Regie: Benedict Andrews, 94 Minuten, nur Dienstag OmU (Englisch), mit Rooney Mara, Bn Mendelsohn u.a.
Als eines Tages plötzlich die schöne Una (Rooney Mara) in seinem Büro auftaucht, wird Ray ungewollt mit seiner dunklen Vergangenheit konfrontiert. 15 Jahre zuvor verband ihn mit der damals noch minderjährigen Tochter seines Nachbarn eine verbotene Liebesaffäre, für die Ray schließlich verhaftet und verurteilt wurde. Inzwischen hat sich Ray unter anderem Namen ein neues Leben aufgebaut – für Una hingegen scheint die Zeit stillgestanden zu haben. Es folgt eine erbarmungslose Aufarbeitung längst begrabener Erinnerungen mit fatalen Konsequenzen.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE:
Als Una (Rooney Mara) den leitenden Angestellten Ray (Ben Mendelsohn) überraschend an seinem Arbeitsplatz in einer Fabrik besucht, steht dem Mann der Schock ins Gesicht geschrieben. 15 Jahre zuvor, als Una noch 13 Jahre war (gespielt von Ruby Stokes), hatte er die Nachbarstochter verführt. Geplant war die gemeinsame Flucht in ein neues Leben, doch die heikle Affäre flog auf. Ray wurde verhaftet und verurteilt und lebt inzwischen mit neuem Namen ein normales Leben. Unas Besuch stellt Rays Neustart auf eine Zerreißprobe, denn seine Kollegen (Riz Ahmed & Tobias Menzies) und seine Frau Yvonne (Natasha Little) ahnen nichts von der dunklen Vergangenheit. Im Aufenthaltsraum der Fabrik entspinnt sich ein Gespräch, das die aus dem Lot geratene Gefühlswelt der Frau aufblitzen lässt.

Bisher inszenierte der Australier Benedict Andrews Theaterstücke. Es erscheint also als logische Wahl, dass er in seinem Kinodebüt den Einakter „Blackbird“ von David Harrower adaptiert. Tatsächlich weist das von Rückblenden durchsetzte Kammerspiel mit dem Fokus auf den Dialog und zwei langen Monologen Parallelen mit einem Theaterstück auf. Der Film ist auf die Schauspieler konzentriert, die ihre Figuren mit viel Ambivalenz ausloten. Nach „Carol“ und „Verblendung“ zeigt Rooney Mara erneut ihr Talent für abgründige Figuren, während der äußerst vielschichtige Ben Mendelsohn („Slow West“) viel zur Ambivalenz des Dramas beiträgt.

Benedict Andrews und David Harrower geben in „Una und Ray“ keine Antworten, sondern öffnen einen Resonanzraum für weiterführende Gedanken und eine moralische Einschätzung des Zuschauers. Ray wird nicht als pädophiler Manipulator gebrandmarkt. Stattdessen rollen die Rückblenden den Hergang der verbotenen Affäre wertfrei auf. Ob der Missbrauch oder die Liebe überwiegt, die Ausnutzung einer Machtposition oder ein echt empfundenes Gefühl, bleibt in der Schwebe. Das eigentlich Provokante des Films ist, dass er ein Tabuthema in einem wertneutralen Plot über Begehren, Schuld und Moral verhandelt. Una ist auf Ray fixiert und brodelt innerlich, weiß aber vermutlich selbst nicht, zu welchem Zweck sie das Treffen herbeiführt. Dass Ray sie als 13-Jährige in einem Motel sitzen ließ, als beide eigentlich in ein neues Leben flüchten wollten, hat die junge Frau nie verwunden. Eine Rückblende zeigt Unas Aussage vor Gericht, die verdeutlicht, dass sie Ray damals vermisste.

Mit Referenzen an Vladimir Nabokovs Skandalroman „Lolita“ und die nicht minder skandalöse Verfilmung von Stanley Kubrick weist „Una und Ray“ über die Filmhandlung hinaus. Das Thema ist zweifelsohne schwierig und teilweise ist die Konfrontation nicht einfach anzuschauen, doch die ambivalente Darstellung der Langzeitfolgen von Missbrauch ist dafür umso lohnender. Ein mutiges, provokantes, herausforderndes Psychodrama.

Christian Horn