Shiley Holmes

Sa 16.01.2021, 20:00 - 22:30 Uhr
VVK: 12,00€ / AK: 15,00€

Für ihr neues Album Die Krone der Erschöpfung haben SHIRLEY HOLMES bei Rookie Records
unterschrieben, Labelheimat unter anderem auch von Bands wie Pascow oder Love A. Man kann
nur hoffen, dass das zweistimmige Berliner Powertrio außerdem noch einen Vertrag mit einer
zuverlässigen Krankenversicherung abgeschlossen hat. Wenn es nämlich eins gibt, für das SHIRLEY
HOLMES berühmt-berüchtigt sind, dann für ihre explosiven Konzerte,
die auch erfahrenen Abrissunternehmern noch Freudentränen in die Augen treiben können.

Die Krone der Erschöpfung ist genau das, was passiert, wenn frenetische Gitarrenmusik und Melodien
mit Messer zwischen den Zähnen auf rastlose Ideen und die Überzeugung trifft, sie möglichst
sofort umzusetzen. Die Welt da draußen muss dann mit nach drinnen, inklusive all der Ambivalenzen,
der Verlockungen, der Dummheit und der Schönheit, die um uns herum wabern. SHIRLEY
HOLMES legen dabei gerne die Lunte an die Verhältnisse, von der programmatischen Vorabsingle
„Binichbinich“ über das hochfrisierte Liedermacher-Cover „Der Alte Krieg“ und das knallfarbene
„Konzoom“ bis zur herbeiimprovisierten Hymne an den „Wolf von Brandenburg.“ Viele Stile, alle
Ziele, Funkenschlag in der Düsternis und ein unverschämter Spaß an der guten Sache.

Aufgenommen wurde das Album u.a. von Sylvia Massy, die auch den Tool-Klassiker Undertow in
die Welt setzte und dann an der Seite von Rick Rubin Alben von Johnny Cash, System Of A Down
und den Red Hot Chili Peppers verwirklichte. Kann man also schon mal droppen, den Namen. Ist
Die Krone der Erschöpfung deswegen ein durchgestylter Rock’n’Roll-Luxusliner geworden, sitzen
SHIRLEY HOLMES jetzt am Tisch mit den Hummerschwanzessern aus Beverly Hills? Mitnichten.
Die Platte ist eher das Piratenschiff, das statt gekreuzter Knochen das Versprechen auf Spaß ohne
Reue in der Fahne führt. Statt Hummer gibt es Hammerhai, aber die Stimmung an Bord ist großartig.
Dabei sind die Zeiten hart für ehrliche Seeräuberinnen, zumal für solche, die auf ihre eigenen
heißen Herzen hören.

Vielleicht mal kurz zu den Songs. Los geht’s erstmal mit ein bisschen Selbstvergewisserung.
Binichbinich fällt in ein Haus, in dem es längst schon keine Türen mehr gibt und perforiert die Anforderungen der Leistungsgesellschaft mit verbalem Stakkato. Die ambivalente Zeile zum Tätowieren
lautet: „Ich scheine einfach nicht genug zu kriegen!“ Muss man mit Riot-Grrrl-DNS übrigens
auch nicht, wenn halt die Wunschliste stimmt. Das Licht wiederum will genau selbiges in den instabilen
Kosmos tragen, der einen die ganze Zeit so therapiebedürftig macht. Ein Leben mit Depressionen
oder in der Karma-Warteschlange? Das kann man interpretieren, wie man will, aber es bleibt
halt dabei: „Die Dunkelheit schadet meinem Teint.“

Der Alte Krieg, im Original von den Liedermachern Gerd Semmer und Dieter Süverkrüp, bietet in
SHIRLEY HOLMES‘ Neuinterpretation die passenden Dezibel zur immer noch tagesaktuellen Botschaft.
Textprobe gefällig? „Was die hohen Herren im Dunkeln brüten, ist gefährlich, das wissen wir
nun. Um ein neues Unglück zu verhüten, muss man alles und nicht nur etwas tun.“ Das geht gut als
Slogan, das geht gut als Parole, und das geht noch besser als Haltung, die man sich halt nicht mal
eben als Klingelton runterladen kann.

Zehn Songs umfasst Die Krone der Erschöpfung und es ist erstaunlich, über welche Bandbreite die
Band dabei gebietet. „Ich schmeiß ne Runde Sprit und zünde Schubladen an!“ singen SHIRLEY
HOLMES auf Wieder sehen, dessen Instrumentalcoda alleine länger ist als der ganze nächste
Song. Dafür hat Wolf von Brandenburg – „ein improvisiertes Märchen aus dem Proberaum“ – das
Herz für Tiere auf dem rechten Fleck. „Der Wolf soll sich mal bei mir melden“, findet die Band. Es
würde ihm nicht langweilig werden.

Überhaupt gibt es viel zu entdecken auf der Platte, was einmal mehr zeigt, wie das so läuft mit
SHIRLEY HOLMES und ihren Ideen. Mal einen Song auf NDW-Englisch? Zack, hier kommt
Konzoom. Ein Stück, das nur aus einem Wort und einem Alphabet besteht? Oh Oh erfüllt diesen
Wunsch in 99 Sekunden. Eine Blockflöte zu harten Gitarren? Hello Auszeit. Eine Geleitete Meditation??
Don’t even ask. SHIRLEY HOLMES fangen in der Regel genau da an, wo die Adjektive aufhören.
Wild, witzig, warm, clever, cool, charmant, durchtrieben, doppelbödig, grell, ironisch, impulsiv
und unangepasst kann man alles sagen.

Letzten Endes könnte man aber auch einfach nur das sagen, was immer alle sagen:
Hört euch das bitte mal an!