Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens

Do 21.12.2017, 19:00 Uhr
Eintritt: 3€

Schweiz/Frankreich 2016, Regie: Nicolas Wadimoff, OmU (frz/span.), 96 Minuten
Der junge Jean Ziegler war 1964 bei der ersten Weltzuckerkonferenz der UNO in Genf der Chauffeur von Che Guevara. Als Ziegler den großen Revolutionär fragte, ob er ihn denn nicht mit nach Kuba nehmen könnte, antwortete ihm Guevara, dass Ziegler in Genf bleiben müsse, um gegen den Kapitalismus zu kämpfen. Seit diesem schicksalhaften Moment kämpft der Schweizer als Schriftsteller, Redner, Professor und mit politischem Engagement bei der UNO gegen die Ungerechtigkeiten der Welt. Sein ehemaliger Student und Filmemacher Wadimoff begleitete den Globalisierungskritiker ein Jahr auf seinen Vortragsreisen.

Klarsichtkino mit Attac und terres des hommes.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE

Er ist schon in den Achtzigern: Jean Ziegler, Jahrgang 1934, einer der letzten aufrechten Kämpfer für den Sozialismus. Er kannte Che Guevara, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, war Professor in Genf und Paris, außerdem überaus erfolgreicher Buchautor, Mitglied in verschiedenen UN-Ausschüssen, ein streitbarer Geist, ein Intellektueller reinsten Wassers und immer noch Idealist. Als Linker und Intellektueller ist Jean Ziegler so etwas wie ein Dinosaurier, ein Fossil. Mit der Strahlkraft seines unermüdlichen Kampfes gegen Globalisierung und Wirtschaftsoligarchie begeistert er junge Menschen überall auf der Welt, auch in Deutschland. Seine Bücher verkaufen sich gut, seine Auftritte sind umjubelt. Aber Jean Ziegler ist nicht nur ein gefeiertes Vorbild, er ist auch ein alter Mann, der sich gern mal etwas schönredet und der lieber selbst spricht als zuhört. All das wird erst im Verlauf des Films von Nicholas Wadimoff deutlich. Er zeigt zunächst den unermüdlichen Intellektuellen, wie er sich auf seine zahlreichen Vorträge vorbereitet, wie er spricht und sich dafür feiern lässt, sich mit Weggefährten und Fans trifft. Stets im Hintergrund, freundlich lächelnd und verständnisvoll: Jean Zieglers Frau Erica.

Das alles gehört zum öffentlichen Bild des Jean Ziegler, das Nicholas Wadimoff in unkommentierten Bildern zeigt. Erst auf einer Reise nach Kuba weitet sich der Blick. Der Filmemacher beginnt mit dem Schweizer Intellektuellen zu sprechen, er nähert sich über den eigenen Film diesem außergewöhnlichen Menschen, der trotz seiner privilegierten Geburt stets auf der Seite der Ärmsten, der Kinder und der Verfolgten war und bleibt. Wadimoff mischt sich ein, vermutlich, als es ihm zu bunt wird mit der Selbstdarstellung. Denn der alte Herr stilisiert Kuba zum leuchtenden Vorbild für den Sozialismus, für den Kampf gegen den Kapitalismus und gegen Globalisierung, er zitiert Lenin und gibt mit seinem persönlichen Kontakt zu Che Guevara an. In fließendem Spanisch erklärt er den Kubanern ihr Land, so wie er allen anderen Menschen einschließlich seiner Frau Erica stets und ständig die Welt erklärt. Nicht einmal ein Krankenhausaufenthalt hält ihn davon ab – im Gegenteil: Aus der Krankenschwester, die demnächst zum Geldverdienen in ein arabisches Emirat reist und ihre Familie dafür alleine zurücklassen muss, macht er eine Heldin, die sich um arme Arbeiter kümmert.

Nicholas Wadimoff nähert sich dem alten Mann zunächst beinahe ehrfürchtig. Doch die anfängliche hierarchische Beziehung zwischen dem Ex-Professor und seinem Ex-Studenten verändert sich, inhaltlich und filmisch. Mit „kritischer Empathie“, wie er selbst sagt, erarbeitet sich Wadimoff ein neues Bild von einem Mann, der ebenso redegewandt wie öffentlichkeitsbewusst seinen Status aufrecht hält, der mit bedeutenden Zitaten um sich wirft und mit einiger Koketterie auch noch behauptet, er sei ein kleiner Bourgeois: Tatsächlich ist er ein Schweizer, der sich gern mit allen anlegt und immer noch daran glaubt, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Sein antikapitalistischer Kampf gegen Hunger und Krieg ist dabei absolut ehrenwert. Irritierend ist lediglich seine mangelnde Reflexion gegenüber den eigenen Irrtümern. Dieser Starrsinn macht ihn dann allerdings schon wieder sympathisch. Denn es gibt nicht mehr viele von seinem Schlag.

Gaby Sikorski