Jahrhundertfrauen

So 25.06.2017, 20:00 Uhr
Eintritt: 6€ / 4,50€

USA 2016, Mike Mills, 118 Min., nur Dienstag OmU (Englisch), mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning u.a.
Santa Barbara, Ende der 70er-Jahre: Mutter Dorothea Fields (Annette Bening) lebt an der Westküste von Kaliforniens sonnenverwöhntem Süden. Kopfzerbrechen bereitet der energischen und selbstbewussten Frau Mitte 50 vor allem ihr heranwachsender Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann), der indes versucht herauszufinden, was einen wirklichen Mann ausmacht. In ihrer Not wendet sich Dorothea an zwei andere Frauen, die junge Fotografin Abbie (Greta Gerwig) und die 16-jährige beste Freundin ihres Sohnes, Julie (Elle Fanning). Gemeinsam starten sie den Versuch, ihm allerlei Ratschläge mit auf den Weg zu geben und zu ergründen, was es heißt, tatsächlich ein Mann in jener Zeit zu sein. Anfangs noch in der Hoffnung, Erkenntnisse zu finden, weiß Jamie schon bald selbst nicht mehr, an welches Weltbild er eigentlich glauben soll.
Originelles Indie-Kino für Herz und Kopf von Mike Mills („Thumbsucker“, „Beginners“) mit geschliffenen Dialogen und einem tollen Soundtrack von David Bowie über The Clash bis zu den Talking Heads.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE

Von dem deutschen Filmtitel sollte man sich nicht irritieren lassen. Dies ist kein bebilderter Wikipedia-Artikel über weibliche VIPs, sondern der nächste, gelungene Komödien-Streich von Indie-Filmer Mike Mills („Beginners“), der es mit seinem Drehbuch diesmal bis ins Oscar-Rennen geschafft hat. Erzählt wird die Geschichte der alleinerziehenden Mutter Dorothea Fields (Annette Bening), die im Kalifornien Ende der 70-er Jahre mit der Erziehung des heranwachsenden Sohnes Jamie ins Stolpern kommt. Um den fehlenden Mann im Haus zu ersetzen, baut Mama spontan auf Frauen-Power: Die selbstbewusste Fotografin Abbie (Greta Gerwig) sowie Teenager Julie (Elle Fanning), die beste Freundin ihres Sohnes seit Kindergarten-Tagen, sollen fortan solidarisch bei der Erziehung mithelfen. Der sensible Jamie reagiert zunächst nicht unbedingt begeistert auf diese unorthodoxe Pädagogik-Maßnahme, aber er lässt sich auf den Deal ein und erkennt fortan schnell die Vorteile als Hahn im Korb.

Mit zwei verschiedenen Erzählerstimmen (von der Mutter und vom Sohn) sowie raffiniert eingebauten Rückblenden wird die Coming-of-Age-Geschichte kunstvoll konstruiert und ganz nebenbei ein Zeitgeist-Kaleidoskop geboten. Sei es mit jener berühmten TV-Rede von Jimmy Carter, der engagiert den Konsum und die Gier seiner Landsleute geißelt. Oder mit den Problemen, die man als bekennender Fan der ziemlich intellektuellen „Talking Heads“ in der Provinz bekommen kann. Im Kern steht freilich das Familienleben, das von kleinen Alltagsproblemen bis zu großen dramatischen Einschnitten wie Krebserkrankungen stets mit lässig lakonischem Humor beleuchtet wird. „Alter ist ein bürgerliches Konstrukt!“, sagt Jamie etwa zu jener älteren Dame, die er im Mutproben-Auftrag seiner Freundin in einer Bar anmachen soll. Ähnlich situationskomisch gerät ein Abendessen der gesamten Patchwork-Familie, bei dem eine winzige Welle sehr intimer Geständnisse schier zum Peinlichkeits-Tsunami gerät. Jamie kann allerdings einiges vertragen, schließlich wird er von Punk-Frau Abbie regelmäßig mit der aktuellen Literatur des Hardcore-Feminismus versorgt.

Das ausgesprochen hübsch entwickelte, zudem psychologisch plausible Figurenkabinett wird von einem exzellenten Ensemble verkörpert, dem die Spielfreude spürbar anzumerken ist. Allen voran Annette Bening, die einmal mehr mit großartiger Leinwandpräsenz beweist, dass sie trotz vier vergeblicher Oscar-Anläufe zu den besten Darstellerinnen ihrer Generation gehört. Nicht minder überzeugend agieren ihre jungen Frauenpower-Kolleginnen Greta Gerwig („Maggies Plan“) als übercoole Rebellin mit Herz und Elle Fanning („The Neon Demon“) als verletzlicher Teenie mit Weltschmerz samt Schwangerschaftssorgen. Auch Newcomer Lucas Jade Zumann („Sinister 2“) schlägt sich absolut wacker als überzeugendes Sensibelchen in diesem Girlie-Trio.

Für zusätzliches Vergnügen sorgt neben den gut geschliffenen Dialogen ein Sahnehäubchen-Soundtrack, der von David Bowie über The Clash und Devo bis zu den Talking Heads reicht. Bevor die Nostalgie allzu heimelig ausfällt, gibt es aus Muttis Erzählermund die warnende Vorhersage: „Sie ahnen nicht, dass dies das Ende des Punk ist. Sie wissen nicht, dass Reagan kommt und Bush und Clinton“.

Wie schon bei „Thumbsucker“ und „Beginners“ gilt für den talentierten Mister Mills erneut: Originelles Indie-Kino für Herz und Kopf!

Dieter Oßwald