Hitlers Hollywood

So 16.04.2017, 18:00 Uhr

Deutschland 2016, Regie: Rüdiger Suchsland, Doku, 106 Min.
Was weiß das Kino, was wir nicht wissen? Über 1000 Spielfilme wurden in den Jahren 1933-1945 in Deutschland hergestellt. Bei den wenigsten handelt es sich um offene Propaganda. Aber noch weniger der im Nationalsozialismus produzierten Filme sind harmlose Unterhaltung, denn das nationalsozialistische Kino war staatlich gelenkt. Zugleich wollte es „großes Kino“ sein. Eine deutsche Traumfabrik. Die Dokumentation erzählt erstmals von der dunkelsten und dramatischsten Periode deutscher Filmgeschichte und erinnert zum 100. Geburtstag der Ufa an diese Filme und ihre Stars: Hans Albers, Heinz Rühmann, Zarah Leander, Ilse Werner, Marianne Hoppe, Gustaf Gründgens und viele mehr.

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Über 1000 Filme ließen Hitler und Propagandaminister Goebbels in den zwölf Jahren der NS-Schreckensherrschaft in Auftrag geben. Von diesen waren nur wenige derart offen propagandistisch wie die Hetzfilme „Jüd Süß“ oder „Ohm Krüger“. Vielmehr ging es darum, vor dem Hintergrund emotionaler Geschichten, seichter Musicals und opulenter Historienfilme, die NS-Ideologie unterschwellig in den Köpfen zu verankern. Journalist Rüdiger Suchsland untersucht das Phänomen, wie dies der NS-Filmindustrie über Jahre hinweg erfolgreich gelang. Eine Industrie, deren Filme sich in Sachen Ausstattung, Effekten und Technik, nicht hinter Hollywood verstecken brauchten.

Der Regisseur des Films, Rüdiger Suchsland, gehört zu den bekanntesten deutschen Filmkritikern. Seit Ende der 90er-Jahre arbeitete er u.a. für die Welt, FAZ oder auch die Jüdische Allgemeine. „Hitlers Hollywood“ ist seine zweite Regiearbeit, nachdem er schon 2014 die Themen „Geschichte“ und „Film“ in einer Dokumentation vereinte. In „Von Caligari zu Hitler“ rückte er den deutschen Film bis 1933 in den Mittelpunkt seiner filmischen Betrachtung. „Hitlers Hollywood“ knüpft thematisch und chronologisch nun daran an.

„Hitlers Hollywood“ ist die ausführlichste, informativste Doku über die Filmindustrie der Nazis, die bis bisher im Kino gezeigt wurde. Akribisch genau und chronologisch, geht Suchsland hier vor. Dabei berücksichtigt er die wichtigsten Werke der NS-Filmindustrie ebenso wie die unterschiedlichen „Lieblings-Genres“ der Machthaber und Entscheider. Allen voran Propagandaminister Goebbels war es, der sich früh der Wirkung des Massenmediums Films bewusst war und die deutsche Filmindustrie zu einem zweiten Hollywood aufbauen wollte. Goebbels, der – wie er vor kurzem in einer deutschen Lokalzeitung beschrieben wurde – „Diktator des Kinos.“

Der Unterschied zu Hollywood aber: Goebbels lud die Filme ideologisch auf – ganz im Sinne der Weltanschauung und kruden (Rassen-)Theorien der braunen Brut. Geschickt streut Suchsland an ausgewählten Stellen, Original-Zitate der Mächtigen ein, vor allem vom Reichsminister für Volksaufklärung selbst. Und ebenso klug ist es, immer wieder auch auf originale, teils private Film-Aufnahmen aus der damaligen Zeit zurückzugreifen.

Damit gelingt es Suchsland, dem Zuschauer das alltägliche Leben, aber auch die jeweils aktuelle Stimmung im NS-Staat, greifbar zu machen und zu vergegenwärtigen: so z.B. zu Beginn des Films, wenn man zufrieden dreinblickende, scheinbar sorgenfreie Menschen über die Straßen Berlins flanieren sieht. Der Krieg ist noch weit weg, man genießt den Wohlstand, den Hitler brachte. Nicht zuletzt erfreut man sich auch an den allwöchentlichen Kinobesuchen, während derer sich die Menschen – meist nichts ahnend – durch das Gezeigte auf der Leinwand indoktrinieren und blenden ließen.

Mit welchen Filmen dies geschah, zeigt „Hitlers Hollywood“ so allumfassend und vielseitig, wie nichts zuvor. Das ist dann auch die größte Stärke des Films: dass er die Möglichkeit hat, auf das breite Spektrum und die vielen Produktionen der braunen Filmindustrie zurückzugreifen – und diese auch nutzt. Wir bekommen ausgewählte, entscheidende Ausschnitte aus Filmen wie „Jud Süß“, „Hitlerjunge Quex“, Riefenstahls pathetischen Dokus oder auch dem monumentalen Durchhalte-Epos „Kollberg“, präsentiert – von Suchsland im Anschluss stets fundiert, ja fast wissenschaftlich-akademisch, in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. Doch „Hitlers Hollywood“ bietet weitaus mehr: er zeigt auch Szenen aus vielen vergessenen oder unbekannteren Filmen wie z.B. „Zu neuen Ufern“ mit Zarah Leander, dem U-Boot-Drama „Morgenrot“ von 1933 oder Helmut Käutners „Große Freiheit Nr. 7“ mit Hans Albers.

Zudem liefert er wichtige Infos zu den prägenden Künstlern jener dunklen Epoche (u.a. Heinz Rühmann, Gustaf Gründgens, Veit Harlan etc.). Am Ende des Films klären Texteinblendungen darüber auf, was aus den „Stars des 3. Reichs“ nach dem Krieg wurde.

Björn Schneider