Ghostland – Reise ins Land der Geister

Di 05.12.2017, 18:00 Uhr
Eintritt: 6,50€ / 5€

Deutschland 2016 (OT: Ghostland – The View oftheJu/’Hoansi), OmU, Regie: Simon Stadler, CateniaLermer, Sven Methling, Doku, 86 Min.
Das Leben in der der Kalahari hat sich für die „Buschmänner“, das Volk der Ju/’Hoansi, verändert: die Jagd ist ihnen verboten worden, Farmerzäune durchziehen die vormals endlose Trockensavanne. Die einstigen Nomaden sind nun notgedrungen sesshaft und abhängig von staatlicher Zuwendung und Tourismus. Doch da ist auch die Neugier auf die Welt außerhalb des Reservats. Und so machen sich einige Ju/’Hoansi auf die Reise durch die Welt der „Anderen“ in Namibia und in das „Land der Geister“, unser modernes, hochtechnisiertes Europa. Mit ethnologischem Blick beobachtet das Regie-Trio in „Ghostland – Reise ins Land der Geister“ denStamm und liefert spannende Einblicke in eine unbekannte Welt.


Filmkritik Programmkino.de

Im Jahre 1990 verbot der südafrikanische Staat Namibia die Jagd. Was auf den ersten Blick wie ein nachvollziehbarer Versuch wirkt, der Wilderei und dem Artensterben Einhalt zu gebieten, hatte ungeahnte Konsequenzen. Zum Beispiel für den Stamm der Ju/’Hoansi-San (die in unseren Augen merkwürdige Schreibweise rührt vom Versuch her, die von Klicklauten geprägte Sprache mit lateinischen Buchstaben zu transkribieren.), die in den kargen Steppen der namibischen Wüste leben und nicht zuletzt von der Jagd abhängig sind, bzw. abhängig waren.

Ein Stamm der Jäger und Sammler also, der nun zumindest eines Teil seiner Essenz beraubt wurde. Der namibische Staat lies die Ju/’Hoansis nun jedoch nicht einfach auf dem trockenen sitzen, sondern etablierte eine Art Freilichtmuseum, in dem die Stammesbewohnern ihre traditionellen Handwerke und Riten einem Touristenpublikum darbieten und zudem mit dem Verkauf von Ketten, Schmuck und anderem Selbstgemachtem Geld verdienen. Doch durch den Kontakt der Kulturen verändert sich viel mehr, als anfangs gedacht.

Der Umgang mit Touristen, generell mit einem modernen Lebensstil beeinflusst z.B. die Kleiderwahl der Buschmänner, die im privaten T-Shirts und Hosen oder Röcke tragen. Nur wenn die Reisebusse der Touristen ankommen, ziehen sie ihre traditionellen Lendenschürze an, sie haben offenbar schnell gelernt, was der Tourist erwartet. Spannende Wechselbeziehungen ergeben sich hier und diese anzudeuten ist die größte Stärke der Dokumentation.

Immer wieder übernimmt die Kamera die Perspektive der Buschmänner, besonders wenn diese von Touristen angestarrt und fotografiert werden, kaum anders als Tiere in Zoo. Das es gerade dieses mehr oder weniger freiwillige zur Schaustellen ist, das den Ju/’Hoansi überhaupt erst Einnahmequellen und damit ihr Überleben ermöglicht, ist eine feine Ironie, die gar nicht groß betont werden muss.

Besonders spannend wird es nun aber, wenn vier Mitglieder des Stammes für ein Projekt nach Frankfurt eingeladen werden, wo sie vor allem Schulklassen von ihrem Leben berichten. Nun sind es die in Daunenjacken gehüllten Afrikaner, die mit den Augen der Fremden blicken, sich über die Hochhäuser wundern und generell vom Leben im Westen irritiert sind. Mit bemerkenswerter Selbstreflexion beschreiben sie diese ungewöhnliche Position, ohne dass die Regisseure dies noch selbst unterstreichen müssen.

Man könnte zwar bemängeln, das bisweilen etwas sehr mit Kontext gespart wird, das es in manchen Momenten nützlich gewesen wäre, ein wenig mehr über das Leben und die Geschichte der Ju/’Hoansi zu erfahren, als durch das bloße Beobachten vermittelt wird. Andererseits ist es gerade diese Zurückhaltung, der Verzicht auf Einordnung oder gar Wertung, die „Ghostland – Reise ins Land der Geister“ sehenswert macht. Denn eine Dokumentation, die nicht gescriptet ist, die nicht einem schon vor den Dreharbeiten feststehendem Muster folgt, die nur Bilder sucht, um eine These zu untermalen, sondern offen und mit Neugier an ein Thema herangeht, das ist heutzutage etwas all zu seltenes.

Michael Meyns