Ein Dorf sieht schwarz

Fr 09.06.2017, 19:00 Uhr
Eintritt: 6€ / 4,50€

Frankreich 2016 (OT: Bienvenue à Marly-Gomont), Regie: Julien Rambaldi 96 Min, nur Dienstag OmU (Französisch), mit Marc Zinga, Aïssa Maïga, Bayron Lebli, u.a.
Frankreich 1975: Seyolo Zantoko ist Arzt und stammt aus dem Kongo. Als er einen Job in einem kleinen Kaff in Nordfrankreich angeboten bekommt, beschließt er, mit seiner Familie umzuziehen. Sie erwarten Pariser Stadtleben, treffen aber auf Dorfbewohner, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem afrikanischen Arzt begegnen und alles tun, um den „Exoten“ das Leben schwer zu machen. Aber wer mutig seine Heimat verlassen hat und einen Neuanfang in einem fremden Land wagt, lässt sich so leicht nicht unterkriegen…ein Clash der Kulturen, wie er heftiger nicht sein könnte. Regisseur Julien Rambaldis leichtfüßige Komödie zielt gekonnt auf Herz und Hirn. Das Wunderbare: es handelt sich nicht um ein Märchen sondern um eine wahre Geschichte. Die Filmidee stammt vom Kamini, Rapper und Sohn von Seyolo Zantako, der vom Schicksal seiner Eltern erzählt – emotional, zärtlich, berührend.

Filmkritik PROGRAMMKINO.DE
Anno 1975 feiert der aus Zaire stammende Seyolo Zantoko (Marc Zinga) sein erfolgreich absolviertes Medizinstudium an der Universität von Lille. Das lukrative Angebot, in seiner Heimat der Leibarzt von Präsident Mobutu zu werden, schlägt Seyolo aus, weil er das korrupte System missbilligt. Lieber würde er in Frankreich praktizieren, doch ihm fehlt eine Arbeitsgenehmigung. Da kommt der Bürgermeister Ramollu (Jean-Benoît Ugeux), der für die Mini-Gemeinde Marly-Gomont einen Dorfarzt sucht, gerade recht. Wohlwissend, dass die Dörfler aus dem tiefsten Hinterland wohl noch nie einen Afrikaner gesehen haben, ergreift Seyolo die Gelegenheit beim Schopf und zieht mit seiner Frau Anne (Aïssa Maïga) und den beiden Kindern (Medina Diarra & Bayron Lebli) in die französische Provinz. Hier muss er die Ressentiments der Bauern und die Enttäuschung der Familie aushalten: Als Seyolo am Telefon erklärte, nördlich von Paris eine Praxis zu übernehmen, hörte seine Frau nämlich nur Paris…

Die Idee zur Integrationskomödie stammt vom 2009 verstorbenen Seyolo Zantoko selbst, der sich nach anfänglichen Hemmnissen den Respekt der Dorfbewohner verdiente. Das Kernproblem sind nicht unbedingt die engstirnigen Bauern, die den afrikanischen Landarzt wegen seiner Fremdartigkeit ausgrenzen. Viel ärger ist die im Hintergrund wirkende Politik, hier personifiziert durch den miesen Lavigne (Jonathan Lambert), der das Bürgermeisteramt an sich reißen will. Lavigne schürt bewusst die Ängste der Leute, indem er etwa das Gerücht streut, Seyolo würde Abtreibungen vornehmen. Der in Marly-Gomont geführte Wahlkampf erscheint etwas unverhältnismäßig, denn immerhin ist hier der Bürgermeisterposten in einer der kleinsten Gemeinden des Landes zu vergeben. Dass die Lösung am Ende bedeutet, an der Wahlurne für den alten Bürgermeister zu votieren, können die politikverdrossenen Dörfler zunächst kaum begreifen.

Das bestimmende Thema von „Ein Dorf sieht Schwarz“ ist der alltägliche Rassismus, den Seyolo und seine Familie aushalten müssen. „Warum ist es härter für Schwarze?“ fragt der Sohn, der gemeinsam mit seiner Schwester an der Schule gemobbt wird („der riecht wie Kacke“). Immerhin spricht die zugezogene Familie Zantoko die französische Sprache, doch das allein reicht nicht aus, um akzeptiert zu werden. Die Anwohner pendeln lieber ins nächste Dorf, bevor sie sich von Seyolo untersuchen lassen, der derweil neben einem Skelett in seinem Wartezimmer sitzt. Zwischenzeitig heuert der Arzt sogar als Gehilfe eines gutmütigen Bauers an, um die Familie über die Runden zu bekommen.

Die schönsten Momente hat die mit Kostümen, Tapeten und Frisuren der 1970er-Jahre ausgestattete Komödie, wenn Zantoko in die Offensive geht und sich mit den Bauern gemein machen will. Das Mittel der Wahl sind Besuche in der Dorfkneipe, wo zwischen Dartspielen und Bier trinken Raum für Diagnosen bleibt. Die Kneipe stellt als Ersatz für das Sprechzimmer natürlich keine Dauerlösung dar und so wendet sich am Zielpunkt der klassischen Dramaturgie aus Erfolgen und Misserfolgen freilich alles zum Besten.

Christian Horn