Der Himmel wird warten (OmU)

Di 16.05.2017, 20:00 Uhr

Frankreich 2016, Regie: Marie-Castille Mention-Schaar, nur Dienstag OmU (Französisch), 105 Minuten, mit Naomi Amarger, Noémie Merlant u.a., FSK 12
Mélanie und Sonja haben fürsorgliche, aufgeklärte Eltern. Dennoch werden beide übers Internet von jungen Männern der IS angeworben. Um ihrer Familie einen Platz im Paradies zu sichern, haben sie sich dem Dschihad angeschlossen. Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar (Die Schüler der Madame Anne) erzählt mit großer Kraft, Ehrlichkeit und Authentizität von den stillen Gräben, die zwischen uns liegen können, aber auch von der Chance, die in der Familie liegt. DER HIMMEL WIRD WARTEN ist ein mit viel Feingefühl gezeichnetes Generationenporträt, voller Mut, und voller Hoffnung.

Kritik PROGRAMMKINO.DE:
Die 16-jährige Schülerin Mélanie (Naomi Amarger) lebt mit ihrer Mutter in Paris, spielt Cello und wünscht sich eine bessere Welt. Als ihre Großmutter im Pflegeheim verstirbt, findet Mélanies Facebook-Freund Mehdi tröstende Worte und trifft Mélanie mit seiner antikapitalistischen Weltsicht und gefühligen Propagandavideos ins Herz. Beim Schreiben unzähliger Nachrichten verfällt Mélanie dem IS-Anhänger, konvertiert zum Islam und will nach Syrien abhauen.

Die 17-jährige Sonia (Noémie Merlant) hat ähnliches durchlebt und gelangte allein durch Zufall nicht nach Syrien. Mitten in der Nacht stürmt eine Spezialeinheit die Wohnung der Eltern (Sandrine Bonnaire & Zinedine Soualem), die kaum fassen können, dass ihre Tochter einen Anschlag in Frankreich geplant haben soll. Unter strengen Auflagen entgeht Sonia der Untersuchungshaft und sucht mit Hilfe ihrer Familie und der muslimischen Seelsorgerin Dounia Bouzar (als sie selbst) einen Weg zurück in die Normalität.

Ebenfalls Bouzars Bekanntschaft macht Sylvie (Clotilde Courau), deren Tochter sich bereits dem Dschihad angeschlossen hat. Die Ungewissheit überschattet das Leben der traumatisierten Mutter, die ihr Kind schließlich in Syrien suchen will.

Die drei Erzählstränge schildern den Verlauf einer Rekrutierung sowie die Folgen für Betroffene und Angehörige. Als Bindeglied dient die Therapeutin Dounia Bouzar, die sich im echten Leben ebenfalls Opfer der IS-Menschenfänger begleitet. So ausführlich wie für einen Dokumentarfilm recherchierte Marie-Castille Mention-Schaar und besuchte mit Dounia Bouzar mehrere Familien, deren Kinder sich dem IS anschlossen. Die Inspiration für das gemeinsam mit Emilie Frèche verfasste Drehbuch entspringt also wahren Schicksalen, worauf auch die dokumentarisch wirkende Handkamera verweist.

Wegen der schieren Informationsfülle, die Mention-Schaar in ihrem aufklärerischen Drama unterbringt, wirkt die Analyse oft oberflächlich. Die Charakterzeichnung ist zwar differenziert, doch letztlich bleibt unverständlich, warum es die ganz normalen Mädchen aus ganz normalen Familien als Dschihadistinnen nach Syrien zieht. Dass Mélanie mitten in der Pubertät und der Trauer um ihre Oma anfällig für Mehdis Liebesbekundungen ist, ist das Eine. Warum die intelligente Teenagerin seine Verschwörungstheorien und die zunehmend herrische Art nicht stärker hinterfragt, bleibt hingegen nebulös.

Mit glaubwürdigen Schauspielern und emotional zupackenden Momenten unternimmt „Der Himmel wird warten“ dennoch einen spannenden, in die Breite erzählten Einblick in die Mechanismen der IS-Anwerbung. Feine Beobachtungen wie jene, dass Konvertiten die Gebetsregeln des Islam viel ernster nehmen als geborene Muslime, zeichnen das fest in der Realität verankerte Gesellschaftsdrama aus.

Christian Horn