Schloss aus Glas

Mi 22.11.2017, 17:45 Uhr
Eintritt: 6,50€ / 5€

USA 2017 (OT: The Glass Castle), Regie: Destin Cretton, nach dem Roman von Jeannette Walls, 120 Min., nur Dienstag OmU (Englisch), mit Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts u.a.
Als Kind bekommt Jeannette Walls von ihrem Vater Rex (Woody Harrelson) jede Menge abenteuerlicher Geschichten erzählt, etwa davon, wie sie gemeinsam auf die Jagd nach Dämonen gehen, wie er ihr die Sterne vom Himmel holt oder wie er ihr ein Schloss aus Glas baut. Diese Geschichten entschädigen sie dafür, dass sie oft hungrig ins Bett muss, dass ihre exzentrische Künstlermutter Rose Mary (Naomi Watts) eine Egomanin ist und die Familie auf der Flucht vor Gläubigern oft überstürzt den Wohnort wechselt. Irgendwann aber wird die Armut zu drückend, als dass sich Jeanette noch von den Erzählungen ihres alkoholkranken Vaters ablenken lässt. Die Lügen der Eltern brechen zusammen. Auch als erwachsene Frau leidet Jeanette, die mittlerweile eine erfolgreiche Kolumnistin geworden ist, noch immer unter ihrer schwierigen Kindheit. Als sie eines Tages zufällig ihre Eltern wiedersieht, während diese in Mülltonnen nach Essen suchen, beschließt sie, den Kontakt zu ihnen wiederaufzunehmen.

Filmkritik Programmkino.de:

1989. Jeannette Walls (Brie Larson) lebt in New York und ist erfolgreiche Klatschkolumnistin. Bald soll sie einen reichen Banker heiraten, allein ihre Herkunft ist ihr ein Dorn im Auge, zumal ihre Eltern Rex (Woody Harrelson) und Rose Mary (Naomi Watts) ihr immer wieder auf den Straßen Manhattans begegnen, bzw. präziser gesagt, in den Gassen der Metropole, wo sie Abfalleimer nach Essbarem durchforsten, denn von ihrem Nomadenleben haben sie nie gelassen.

Rückblende in die 70er Jahre, als Jeannette noch ein junges Mädchen war und mit ihren drei Geschwistern Brian, Maureen und Lori ein Leben voller Freiheit und Abenteuer führt. Beseelt vom Hippie-Geist der 60er Jahre lebt Familie Walls abseits der Gesellschaft, zieht von Ortschaft zu Ortschaft, stets nur einen Schritt vom finanziellen Ruin entfernt. Noch kann Vater Rex seinen Kindern die häufigen, den ständigen Gläubigern geschuldeten Ortswechsel noch als aufregendes Abenteuer verkaufen, doch gerade Jeannette merkt zunehmend, dass es da draußen auch noch ein anderes Leben gibt.

Auch als die Familie in West Virginia mehr oder weniger sesshaft wird, reißen die Probleme nicht ab, im Gegenteil. Rex Alkoholismus nimmt immer heftigere Ausmaße an, die Großmutter wird übergriffig und der große Traum des ausgebildeten Ingenieurs Rex, tatsächlich ein fast nur aus Glas bestehendes Haus zu bauen, erweist sich als Luftschloss.

In Amerika war Jeannette Walls Buch über ihre Herkunft und Familie ein riesiger Erfolg, der sich über fünf Jahre auf den Bestsellerlisten hielt. Es ist nun nicht zufällig, dass die Verfilmung des Sachbuchs ihre Geschichte nicht linear erzählt, sondern zu einem Zeitpunkt beginnt, als Jeannette die Fesseln ihrer Kindheit längst abgestreift hat und erfolgreiche Journalistin war, in New York, allzu weit vom freien Leben in der Natur entfernt, als man es in den USA sein kann.

So tragisch man das Leben von Jeannette und ihrer Geschwister nun auch finden mag, am Ende steht der Erfolg, der gerade in Amerika immer noch als wichtigster Maßstab für die Bewertung eines Lebens herhält. Und da auch Jeannettes Geschwister in ihren Berufen leidlich erfolgreich sind, scheinbar stabile, zufriedene Leben führen, drängt sich der Schluss auf, dass die Eltern mit ihren zumindest unkonventionellen Erziehungsmethoden nicht gar so viel falsch gemacht haben.

Im Gegensatz zu Deutschland ist es in den USA Eltern ohne Vorbehalt gestattet, ihre Kinder zu erziehen, wie es beliebt. Eine Schulpflicht existiert nicht, solange die Kinder regelmäßig staatliche Tests bestehen, dürfen auch die Eltern selbst ihre Kinder unterrichten, ihren eigenen ganz persönlichen Werten entsprechend. Keine ganz unattraktive Lebenseinstellung, wie unlängst auch in „Captain Fantastic“ gezeigt, in dem ein von Viggo Mortensen gespielter Vater seine Kinder individuell erzieht, um am Ende eine gelungene Mischform zwischen Freiheit und Gesellschaft zu finden. Im Gegensatz zu diesem nachdenklichen Film lässt „Schloss aus Glas“ Individuum und Gesellschaft viel stärker aufeinanderprallen und scheint am Ende eine libertäre Haltung anzunehmen, die das Individuum und seine Fähigkeiten über alles stellt. Der alte amerikanische Traum, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will und an sich glaubt und arbeitet, lebt in der Geschichte der Walls weiter.

Michael Meyns