Happy End

Mi 29.11.2017, 20:15 Uhr
Eintritt: 6,50€ / 5€

Frankreich 2017, Regie & Buch: Michael Haneke, 110 Mi., nur Dienstag OmU (Französisch), mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz u.a.
Familie Laurent betreibt eine boomende Baufirma – das Fundament des Erfolgs aber bröckelt: Die resolute Patriarchin und Chefin Anne (Isabelle Huppert), mit dem Anwalt Lawrence Bradshaw verheiratet, hat ihren Sohn Pierre zum Managing Director gemacht, doch der ist bei weitem nicht kompetent genug für seine Aufgabe. Auch rein privat gibt es Probleme: Annes Bruder Thomas ein Arzt, der ebenfalls in der Mehrgenerationen-Villa wohnt, soll sich nach dem Suizidversuch der Mutter um seine zwölfjährige Tochter Eve kümmern. Und auch Georges (Jean-Louis Trintignant), der verbitterte alte Vater von Anne und Thomas, steckt in einer tiefen Krise.Unerbittlich wie immer entwirft Michael Haneke („Das weisse Band“) das Portrait einer bürgerlichen europäischen Familie im moralischen Verfall.


Filmkritik Programmkino.de:

Der Laurent-Clan führt in der französischen Hafenstadt Calais ein florierendes Bauunternehmen. Patriarch der Familie ist der greise George (Jean-Louis Trintignant), der schon lange seine Lebenslust verloren hat. Seine Kinder Anne (Isabelle Huppert) und Thomas (Mathieu Kassovitz) leiten das Unternehmen, das sich gerade in einen Regressfall verstrickt sieht.

Annes Sohn Pierre (Franz Rogowski) soll das Unternehmen eines Tages leiten, zeigt jedoch keinerlei Talent oder auch nur Interesse an Arbeit. Thomas wiederum hat gerade seine 13jährige Tochter Eve (Fantine Harduin) aufgenommen, die bislang bei seiner ersten Frau lebte. Doch diese hat Selbstmord begangen, ein Schicksal, das etliche der Familienmitglieder geradezu anstreben.

Ein so großes Figurenensemble hat Michael Haneke seit „Code Inconnu“ nicht mehr versammelt, dass der Patriarch der Familie seine dahinsiechende Frau mit einem Kissen erstickte ist ein deutlicher Hinweis auf „Amour“, das die Enkelin Eve mit Vorliebe durch ihr Handy auf die Welt blickt und gern fragwürdige Experimente mit ihrem Hamster durchführt, lässt an „Benny‘s Video“ denken, und das Verhältnis zu den aus dem Maghreb stammenden Hausangestellten der Laurents verweist auf „Cache“. Wie ein Best Of -Haneke wirkt „Happy End“ in vielen Momenten, als würde der österreichische Regisseur in seinem neuen Film einen Rückblick auf seine Karriere werfen, Motive und Bilder, Figurenkonstellationen und Ideen zitieren.

Die typischen Haneke-Themen lassen sich finden, eine zunehmende Lieblosigkeit innerhalb der Gesellschaft wird aufgezeigt, die auch persönliche Beziehungen zersetzt, Vertrauen und Nähe zerstört. Immer wieder blendet Haneke Monitore aller Art ein, Fernseher, Computerscreens, Handys, Überwachungskameras, Zeichen der Entfremdung, der Kommunikation aus zweiter Hand. Allein der alternde George liest hier noch Zeitung, doch der kulturelle, geistige Verfall seiner Umgebung hat ihn mit solchem Weltekel vergiftet, dass er sich nichts lieber tun würde als sterben.

Alles an „Happy End“, von den Figuren, über die präzisen, kalten Bilder der Kamera bis hin zum zynischen Grundton ist unverkennbar Haneke, viele Momente überzeugen – und doch ist das Ergebnis diesmal deutlich weniger als die Einzelteile, die sehr vielen Einzelteile. Es mag als intellektuelles Spiel überzeugen, derart viele Versatzstücke zusammenzutragen, wie es Haneke hier tut, mit Selbstzitaten zu spielen, in kurzen Szenen allerlei Themen anzureißen. Die Folge dieses Stils ist aber, dass keine der vielen Figuren wirkliche Substanz hat, das die Sezierung gesellschaftlicher Abgründe an der Oberfläche bleibt, das wenig von der Wucht und Spannung zu spüren ist, die Hanekes beste Filme so besonders machen. 75 Jahre ist Haneke inzwischen schon alt und man kann nur hoffen, dass dieser nur bedingt gelungene Rückblick auf das eigene Schaffen nicht der Schlusspunkt einer so brillanten Karriere darstellt.

Michael Meyns